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Innere Anspannung regulieren: Warum Entlastung allein oft nicht ausreicht

  • Autorenbild: Monia von Burg
    Monia von Burg
  • vor 4 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Innere Anspannung wird häufig als direkte Reaktion auf äussere Belastung verstanden. Daraus entsteht oft die Annahme, dass sich Entspannung automatisch einstellt, sobald Anforderungen abnehmen.


Alltagssituation in einer Küche bei Tageslicht – äussere Ruhe ohne automatisch spürbare Entspannung

Im Alltag zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild. Auch in Phasen mit geringerer Belastung bleibt ein Zustand innerer Aktivierung bestehen. Gedanken laufen weiter, körperliche Ruhe stellt sich nicht selbstverständlich ein, und Erholung wird nicht als entlastend erlebt.


Dieses Erleben wirkt zunächst widersprüchlich und lässt sich psychologisch klar einordnen.



Wenn Entlastung nicht zu Entspannung führt



Phasen mit geringerer äusserer Belastung gehen nicht zwingend mit innerer Entspannung einher. Trotz freier Zeit oder reduzierter Anforderungen kann das Gefühl bestehen bleiben, innerlich angespannt zu sein.


Psychologisch ist dabei entscheidend, dass sich Regulation nicht ausschliesslich an äusseren Bedingungen orientiert. Vielmehr hängt sie eng mit der Funktionsweise des Stresssystems und der langfristigen Anpassung zusammen.



Warum sich innere Anspannung aufrechterhalten kann


Aus Sicht der Stressforschung reagiert der Körper auf wiederholte Belastung mit Anpassungsprozessen. Dieses Verständnis basiert auf einer Vielzahl physiologischer Studien, in denen unter anderem Stresshormone, Herz-Kreislauf-Aktivität und Entzündungsmarker untersucht wurden (McEwen, 1998).


Dabei zeigt sich: Wenn Anforderungen über längere Zeit bestehen, bleibt das Stresssystem nicht nur situativ aktiv, sondern stabilisiert ein erhöhtes Aktivierungsniveau, um Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.


Dieses Prinzip wird im Konzept der allostatischen Last beschrieben. Gemeint ist die kumulative Belastung, die entsteht, wenn Anpassungsleistungen dauerhaft erforderlich sind und sich nicht vollständig zurückbilden (McEwen & Stellar, 1993).


Im Alltag ist dieser Zustand oft nicht direkt sichtbar. Er zeigt sich eher indirekt:


  • Gedanken laufen weiter, obwohl äusserlich keine akute Anforderung besteht

  • Der Körper kommt zur Ruhe, fühlt sich aber nicht entspannt an

  • Pausen verändern den Ablauf des Tages, aber nicht das innere Aktivierungsniveau



Diese Beobachtungen entsprechen dem Muster, das in der Stressforschung als anhaltende Aktivierung beschrieben wird.



Warum Erholung nicht automatisch reguliert



Studien zur Stress- und Erholungsforschung zeigen, dass Entlastung nicht automatisch zu innerer Entspannung führt. Diese Erkenntnisse stammen unter anderem aus Tagebuchstudien, in denen Teilnehmende über mehrere Tage hinweg wiederholt angeben, wie erschöpft sie sich fühlen und wie gut sie sich erholen konnten (Sonnentag, 2018).


Dabei zeigt sich ein konsistentes Muster: Auch an Tagen mit geringerer Belastung berichten viele Personen weiterhin von erhöhter Erschöpfung und innerer Anspannung.


Erholung im Sinne von freier Zeit bedeutet daher nicht zwingend, dass sich das Stresssystem bereits zurückreguliert hat.


Ergänzend dazu zeigen Übersichtsarbeiten zur Stressforschung, dass subjektives Belastungserleben und physiologische Aktivierung zeitlich verzögert reagieren können und nicht automatisch mit äusseren Veränderungen synchron verlaufen (Ganster & Rosen, 2013).


  • Gedanken laufen weiter, obwohl eigentlich nichts mehr ansteht

  • Der Körper wirkt ruhig, findet aber keine echte Entspannung



Das kann dazu führen, dass Ruhephasen zwar vorhanden sind, sich innerlich jedoch keine spürbare Entlastung einstellt.



Was unter Stabilisierung verstanden wird



In der psychologischen Einordnung wird in solchen Fällen weniger von Entlastung als von Stabilisierung gesprochen.


Damit ist nicht in erster Linie eine Veränderung der äusseren Situation gemeint, sondern die Fähigkeit, das eigene Aktivierungsniveau wieder beeinflussen zu können.


Forschung zur Emotionsregulation zeigt, dass innere Zustände nicht automatisch abklingen, sondern aktiv verarbeitet und reguliert werden müssen (Gross, 2015). Diese Prozesse betreffen sowohl kognitive als auch körperliche Ebenen.


Aus neuropsychologischer Sicht spielt dabei auch die Wahrnehmung von Sicherheit eine Rolle. Modelle wie die Polyvagal-Theorie gehen davon aus, dass sich das Nervensystem nur dann in Richtung Ruhe regulieren kann, wenn die Situation als ausreichend sicher eingeordnet wird (Porges, 2011).


Stabilisierung bedeutet vor diesem Hintergrund, dass sich wieder eine Flexibilität zwischen Anspannung und Ruhe entwickeln kann – nicht durch Wegfall von Anforderungen, sondern durch Regulation innerer Zustände.



Warum Stabilisierung ein Prozess ist



Ein verändertes Aktivierungsniveau entsteht in der Regel nicht kurzfristig, sondern entwickelt sich über längere Zeiträume. Entsprechend erfolgt auch die Rückregulation nicht unmittelbar.


Das Stresssystem reagiert weniger auf einzelne Pausen als auf wiederholte Erfahrungen, in denen Anspannung tatsächlich nachlassen kann.


Stabilisierung beschreibt daher einen Prozess, in dem sich Regulation schrittweise verändert.


Dabei geht es nicht um vollständige Entspannung, sondern um die Wiederherstellung von Variabilität zwischen Anspannung und Ruhe.



Warum Verstehen allein nicht ausreicht



Ein differenziertes Verständnis der eigenen Situation stellt häufig einen ersten wichtigen Schritt dar. Gleichzeitig zeigt sich in der Forschung, dass Einsicht allein nicht automatisch zu einer Veränderung des Erlebens führt.


Der Grund dafür liegt darin, dass Stress- und Regulationsprozesse nicht ausschliesslich kognitiv ablaufen. Während Zusammenhänge gedanklich nachvollzogen werden können, bleibt das Aktivierungsniveau häufig zunächst unverändert.


Studien zur Emotionsregulation zeigen, dass nachhaltige Veränderungen insbesondere dann entstehen, wenn kognitive Einordnung und tatsächliche Regulationserfahrungen zusammenwirken (Gross, 2015).


„Ich weiss eigentlich, dass ich mich entspannen könnte – aber es fühlt sich nicht so an.“


Das erklärt, weshalb innere Anspannung trotz klarer Einsicht oft bestehen bleibt.



Wie Regulation im Alltag überhaupt erfahrbar wird



Wenn von Regulation gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck, dass es sich um etwas handelt, das man gezielt „anwenden“ kann.


Psychologisch betrachtet zeigt sich jedoch ein anderes Bild.


Regulation entsteht nicht primär durch einzelne Techniken, sondern durch Erfahrungen, in denen sich das innere Aktivierungsniveau tatsächlich verändert.


Im Alltag sind diese Momente oft unscheinbar:


  • ein kurzer Augenblick, in dem dein Körper für einen Moment nachlässt

  • ein Gespräch, in dem du nicht gleichzeitig mitdenken oder Verantwortung tragen musst

  • ein Moment, in dem nichts von dir erwartet wird – und du das auch innerlich so wahrnehmen kannst


Solche Erfahrungen haben gemeinsam, dass sich das innere Bereit-sein-müssen für einen Moment reduziert.


Genau hier beginnt Regulation.


Forschung zeigt, dass sich solche Zustände nicht über reines Verstehen herstellen lassen, sondern über wiederholte Erfahrungen, in denen Anspannung tatsächlich nachlassen kann (Gross, 2015).


Entscheidend ist dabei nicht, wie gross diese Momente sind, sondern dass sie überhaupt wahrgenommen werden.


  • Wann wird es für einen Moment etwas ruhiger?

  • Wann lässt die innere Anspannung minimal nach?


Diese feinen Unterschiede sind oft der Anfang von Regulation – nicht als Technik, sondern als Erfahrung.



Warum solche Erfahrungen oft erst im Gespräch zugänglich werden



Im Alltag gehen solche Momente häufig unter. Aufmerksamkeit ist gleichzeitig an vielen Stellen gebunden: Gedanken, Verantwortung, Reaktionen auf andere. Dadurch bleiben feine Veränderungen im eigenen Erleben oft unbemerkt.


Der Moment, in dem innere Anspannung leicht nachlässt, wird selten bewusst wahrgenommen.

Ein strukturierter Gesprächsrahmen kann hier eine andere Qualität von Wahrnehmung ermöglichen.


Ein solcher Rahmen zeigt sich unter anderem im Coaching. Im Gespräch verlangsamt sich die Betrachtung des eigenen Erlebens. Situationen werden nicht nur erinnert, sondern differenzierter eingeordnet.


Dabei wird erkennbar:


  • in welchen Situationen Anspannung entsteht

  • wie sie sich innerlich und körperlich zeigt

  • und in welchen Momenten sie leicht nachlässt



Diese Form der Auseinandersetzung verändert den Alltag nicht unmittelbar. Sie schafft jedoch eine Voraussetzung, die häufig fehlt: eine klarere Wahrnehmung innerer Prozesse.


Auf dieser Grundlage wird es möglich, ähnliche Momente auch im Alltag eher zu erkennen.


Mit der Zeit entsteht daraus eine zunehmende Sensibilität dafür, wann sich das innere Aktivierungsniveau verändert.


Für viele Frauen ist ein solcher Rahmen der erste Ort, an dem diese Unterschiede überhaupt bewusst zugänglich werden.



Fazit



Innere Anspannung reguliert sich nicht zwangsläufig parallel zu äusserer Entlastung. Wenn Aktivierung über längere Zeit aufrechterhalten wurde, kann sie als stabiler innerer Zustand bestehen bleiben.


In solchen Fällen greift die Vorstellung, dass Erholung allein ausreicht, häufig zu kurz. Stattdessen rückt die Frage in den Vordergrund, wie Regulation wieder erfahrbar wird.


Die Einordnung dieser Dynamik kann helfen, das eigene Erleben klarer zu verstehen – insbesondere in Situationen, in denen sich Entlastung nicht wie Entspannung anfühlt.



Quellen


  • Ganster, D. C., & Rosen, C. C. (2013). Work stress and employee health: A multidisciplinary review. Journal of Management, 39(5), 1085–1122. https://doi.org/10.1177/0149206313475815

  • Gross, J. J. (2015). Emotion regulation: Current status and future prospects. Psychological Inquiry, 26(1), 1–26. https://doi.org/10.1080/1047840X.2014.940781

  • Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.

  • McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. https://doi.org/10.1056/NEJM199801153380307

  • McEwen, B. S., & Stellar, E. (1993). Stress and the individual: Mechanisms leading to disease. Archives of Internal Medicine, 153(18), 2093–2101. https://doi.org/10.1001/archinte.1993.00410180039004

  • Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company.

  • Sonnentag, S. (2018). The recovery paradox: Portraying the complex interplay between job stressors, lack of recovery, and poor well-being. Research in Organizational Behavior, 38, 169–185. https://doi.org/10.1016/j.riob.2018.11.002



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Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch 


Monia von Burg


Wer bin ich?


Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.


Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.


In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.


Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.



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