Mentale Erschöpfung im Herbst: Warum Belastung oft zunimmt
- Monia von Burg

- 11. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen

Mit dem Wechsel in die dunklere Jahreszeit berichten viele Menschen von zunehmender Müdigkeit und Erschöpfung.
Neben biologischen Faktoren wie Lichtmangel zeigt sich dabei häufig auch eine psychologische Komponente: ein anhaltender Spannungszustand, der über längere Zeit bestehen bleibt.
Gerade bei Frauen mit hoher Verantwortung kann sich dieser Zustand im Herbst verstärken, da äussere Anforderungen unverändert bleiben, während die inneren Ressourcen abnehmen.
Warum Stärke zur Gewohnheit wird

In der Psychologie spricht man von inneren Antreibern – unbewussten Regeln, die unser Verhalten prägen (Kahler, 1975). Ein häufig beschriebenes Muster ist dabei der innere Antreiber, stark bleiben zu müssen.
Er entsteht oft früh im Leben, in Momenten, in denen Schwäche als gefährlich erlebt wurde oder Zuwendung an Leistung gekoppelt war. Stärke gibt Halt, wenn das Umfeld unsicher ist. Doch was einst Schutz war, kann später zur Belastung werden.
Das psychologische Muster „Sei stark“ führt dazu, dass Gefühle von Erschöpfung, Angst oder Trauer kaum mehr zugelassen werden. Stärke wird zur Identität – und irgendwann zur Rüstung.
Diese dauerhafte Selbstkontrolle steht in engem Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung, einer zentralen Dimension des Burnout-Syndroms (Maslach & Leiter, 2016). Besonders betroffen sind Frauen, die gleichzeitig mehrere Verantwortungsbereiche tragen (Moreno-Agostino et al., 2023).
Warum Erschöpfung im Herbst nicht nur körperlich erklärbar ist
Im Herbst berichten viele Frauen von einer Zunahme von Müdigkeit und Erschöpfung, die sich nicht allein durch körperliche Faktoren erklären lässt.
Neben dem Einfluss von Lichtmangel zeigt sich häufig eine psychologische Komponente: ein anhaltender innerer Anspruch, Belastung aufrechtzuerhalten, auch wenn die eigenen Ressourcen bereits reduziert sind.
Psychologisch betrachtet kann ein solcher Umgang mit Belastung als Schutzstrategie verstanden werden. Er dient dazu, Überforderung zu regulieren und Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten – insbesondere in Situationen, in denen Rückzug oder Entlastung nicht unmittelbar möglich erscheinen.
Langfristig kann dieser Mechanismus jedoch dazu führen, dass das äussere Verhalten nicht mehr mit dem inneren Erleben übereinstimmt. Dieser Zustand wird in der Psychologie als Inkongruenz beschrieben – eine Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äusserem Verhalten, die mit anhaltender innerer Spannung einhergehen kann (Rogers, 1961).
Studien zeigen, dass genau diese Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äusserer Kontrolle die psychische Belastung verstärkt und das Risiko für depressive Symptome erhöht (Golmohamadi et al., 2025).
Hinzu kommt: Frauen berichten signifikant häufiger von Müdigkeit, Schlafproblemen und emotionaler Erschöpfung – besonders wenn die Tage kürzer werden und die Nächte länger (Wirz-Justice et al., 2019).

Neben psychologischen Faktoren spielen auch körperliche Aspekte eine Rolle. Eine reduzierte Lichtexposition kann mit Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus und der Stimmung einhergehen.
Diese körperlichen Einflüsse erklären jedoch nicht vollständig, weshalb Erschöpfung gerade im Herbst oft intensiver erlebt wird.
Psychologisch relevant ist vor allem, dass anhaltende innere Anspannung bestehen bleibt, während die verfügbaren Ressourcen abnehmen. Dadurch kann sich Erschöpfung nicht nur verstärken, sondern auch schwerer regulieren lassen.
Wenn Wissen und Verhalten auseinanderfallen

Im Kontext von Erschöpfung zeigt sich häufig ein Zustand, der in der Psychologie als kognitive Dissonanz beschrieben wird – ein Spannungszustand, der entsteht, wenn Wahrnehmung und Verhalten nicht übereinstimmen (Festinger, 1957).
Dabei wird Erschöpfung zwar erkannt, führt jedoch nicht unmittelbar zu einer Veränderung des Handelns.
Diese Form der Dissonanz entsteht insbesondere dann, wenn eigene Bedürfnisse und äussere Anforderungen gleichzeitig wirksam sind und nicht miteinander vereinbart werden können.
Forschung zeigt, dass solche Spannungszustände mit erhöhtem Stress, emotionaler Erschöpfung und reduzierter Regulationsfähigkeit einhergehen können (Harmon-Jones & Mills, 2019).
Diese Prozesse zeigen sich nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern auch körperlich – etwa in Form von verändertem Schlaf, reduzierter Konzentrationsfähigkeit oder einer abgeflachten Stimmung.
Solche Veränderungen können als Ausdruck anhaltender innerer Belastung verstanden werden, nicht als individuelles Defizit.
Warum sich Erschöpfung oft aufrechterhält

Psychologisch zeigt sich, dass solche Spannungszustände häufig dann bestehen bleiben, wenn Wahrnehmung und Verhalten nicht miteinander übereinstimmen.
Erschöpfung wird zwar registriert, führt jedoch nicht unmittelbar zu einer Veränderung des Handelns.
Diese Diskrepanz trägt dazu bei, dass sich innere Anspannung verstärkt und weniger reguliert werden kann.
Psychologische Reflexion zum Schluss

Der November zeigt, wie eng Körper und Psyche verbunden sind. Wenn Licht und Tempo nachlassen, reagiert auch unser Inneres. Müdigkeit kann in diesem Zusammenhang als Regulationssignal verstanden werden – als Hinweis darauf, dass das Gleichgewicht zwischen Belastung und Erholung nicht mehr ausreichend gegeben ist.
Diese Perspektive ermöglicht eine differenziertere Einordnung von Erschöpfung, ohne sie als persönliches Defizit zu interpretieren.
Wenn sich Erschöpfung über längere Zeit aufrechterhält, kann es hilfreich sein, die zugrunde liegenden Dynamiken genauer zu verstehen.
Ein geschützter Rahmen kann dabei unterstützen, diese Zusammenhänge differenziert einzuordnen und einen klareren Umgang damit zu entwickeln.
Quellen
Beck, A. T. (1979). Cognitive therapy and the emotional disorders. Penguin Books.
Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.
Golmohamadi, S., Afshari, A., Esmaeili, R., & Mohammadi, N. (2025). Why are women more fatigued than men? The roles of stress, sleep, and repetitive negative thinking. Journal of Health Psychology, 30(2), 145–158. https://doi.org/10.1080/13548506.2025.2490212
Harmon-Jones, E., & Mills, J. (2019). Cognitive dissonance: Reexamining a pivotal theory in psychology (2nd ed.). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/0000135-000
Kahler, T. (1975). Drivers: The key to the process of scripts. Transactional Analysis Journal, 5(3), 280–284. https://doi.org/10.1177/036215377500500311
Maslach, C., & Leiter, M. P. (2016). Understanding the burnout experience: Recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry, 15(2), 103–111. https://doi.org/10.1002/wps.20311
Moreno-Agostino, D., Wu, Y.-T., Daskalopoulou, C., Hasan, M. T., Huisman, M., & Prina, A. M. (2023). Mental load and invisible work in women: Psychological consequences during and after the pandemic. Archives of Women’s Mental Health, 26(4), 689–702. https://doi.org/10.1007/s00737-024-01497-3
Rogers, C. R. (1961). On becoming a person: A therapist’s view of psychotherapy. Houghton Mifflin.
Wirz-Justice, A., Bromundt, V., Cajochen, C., & Wehrle, R. (2019). Seasonality in mood and behavior: A Swiss population study. Journal of Affective Disorders, 258, 118–125. https://doi.org/10.1016/j.jad.2019.08.018
Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch

Wer bin ich?
Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.
Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.
In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.
Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.
Wenn du deine aktuelle Situation etwas klarer einordnen möchtest, kann dieses Mini-Workbook ein ruhiger Einstieg sein.
Drei Fragen helfen dir, innezuhalten und wahrzunehmen, was gerade wirklich präsent ist.



Kommentare