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Eigene Werte: Warum sie unter hoher Verantwortung oft in den Hintergrund treten

  • Autorenbild: Monia von Burg
    Monia von Burg
  • 24. Apr. 2025
  • 5 Min. Lesezeit
Frau im Licht auf einem Waldweg

Viele Frauen merken irgendwann, dass sie nur noch schwer beantworten können, was ihnen selbst eigentlich wichtig ist. Entscheidungen fallen schwerer, nicht weil Möglichkeiten fehlen, sondern weil die eigene Orientierung im Alltag zunehmend in den Hintergrund getreten ist.


Gerade Frauen mit hoher Mehrfachverantwortung erleben häufig, dass berufliche, familiäre und soziale Anforderungen gleichzeitig Aufmerksamkeit beanspruchen. Eigene Bedürfnisse oder persönliche Werte geraten dabei oft unbemerkt in den Hintergrund.


Psychologisch betrachtet bedeutet das nicht, dass eigene Werte verloren gegangen sind. Häufig sind sie im Alltag lediglich weniger gut zugänglich, weil äussere Anforderungen über längere Zeit im Vordergrund standen.



Wenn Rollen die eigene Orientierung überlagern


In der Psychologie beschreibt das Selbstbild die Vorstellungen und Überzeugungen, die Menschen über sich selbst entwickelt haben. Dazu gehören beispielsweise Eigenschaften, persönliche Werte oder die Frage, was ihnen im Leben wichtig ist.


Unter hoher Mehrfachverantwortung richtet sich der Alltag häufig über längere Zeit an äusseren Anforderungen aus. Eigene Werte oder Bedürfnisse treten dabei leichter in den Hintergrund. Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass das eigene Handeln immer weniger zu dem passt, was einem selbst wichtig ist.


Wie dieses Gefühl entsteht und weshalb die Psychologie dabei von Selbstkongruenz spricht, habe ich im Beitrag «Selbstkongruenz: Warum sich dein Alltag manchmal nicht mehr stimmig anfühlt» ausführlicher beschrieben.


Psychologische Forschung zeigt, dass persönliche Werte eine wichtige Orientierung geben können, insbesondere dann, wenn sich der Alltag nicht mehr stimmig anfühlt. Sie helfen dabei, Entscheidungen weniger stark an äusseren Erwartungen und stärker an der eigenen inneren Ausrichtung zu orientieren (Hayes et al., 2006).


Werte sind dabei keine Ziele, die erreicht werden müssen. Sie beschreiben vielmehr eine Richtung, an der sich Entscheidungen immer wieder orientieren können.



Wenn äussere Erwartungen wichtiger werden als die eigene Orientierung


Sich an andere anzupassen, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Menschen orientieren sich an ihrem Umfeld, übernehmen Verantwortung und berücksichtigen die Bedürfnisse anderer. Gerade viele Frauen lernen schon früh, mitzudenken, Rücksicht zu nehmen und für andere da zu sein.


Diese Fähigkeiten sind wertvoll. Problematisch wird es erst dann, wenn sich das eigene Handeln über längere Zeit fast ausschliesslich an äusseren Erwartungen orientiert. Eigene Bedürfnisse und persönliche Werte geraten dadurch leichter in den Hintergrund.


Mit der Zeit fällt es dadurch oft schwerer, wahrzunehmen, was einem selbst wichtig ist. Entscheidungen werden unsicherer, weil die eigene innere Orientierung weniger gut zugänglich ist.


Die Bindungsforschung liefert dafür eine mögliche Erklärung. John Bowlby (1988) beschrieb Zugehörigkeit als ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Werden emotionale Sicherheit oder Anerkennung früh mit Anpassung oder Leistung verknüpft, kann sich diese Orientierung auch im Erwachsenenalter fortsetzen.


Der Wunsch, niemanden zu enttäuschen oder Erwartungen zu erfüllen, kann dadurch mit der Zeit mehr Gewicht bekommen als die eigene innere Orientierung.


Das zeigt sich heute zum Beispiel so:

  • Entscheidungen fühlen sich vage oder schwer an

  • Konflikte werden vermieden – obwohl innerlich etwas nicht stimmig ist

  • Es entsteht der Druck, zu funktionieren – aber selten aus echtem Eigenantrieb heraus


Diese Verhaltensweisen sind keine Schwäche. Häufig entwickeln sie sich über viele Jahre und erfüllen zunächst eine wichtige Funktion. Langfristig können sie jedoch dazu beitragen, dass eigene Bedürfnisse und Werte immer schwerer zugänglich werden. Entscheidungen orientieren sich dann zunehmend an äusseren Anforderungen und weniger an der eigenen inneren Orientierung.



Wie eigene Werte wieder Orientierung geben können


Wenn Entscheidungen über längere Zeit vor allem durch äussere Anforderungen bestimmt werden, fällt es oft schwerer wahrzunehmen, was einem selbst wichtig ist. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf das, was erledigt werden muss, statt auf die eigene innere Orientierung.


Innere Klarheit entsteht deshalb meist nicht dadurch, möglichst schnell die richtige Entscheidung zu treffen. Sie entwickelt sich häufig dann, wenn eigene Werte wieder bewusster wahrgenommen werden.


Dann verändert sich auch die Fragestellung. Statt ausschliesslich zu überlegen, was als Nächstes erledigt werden muss, rückt stärker in den Vordergrund, was sich langfristig stimmig anfühlt. Genau hier setzt die psychologische Arbeit mit persönlichen Werten an.



Warum Werte Orientierung geben können


In der psychologischen Wertearbeit, unter anderem im Rahmen der Acceptance and Commitment Therapy (ACT), gelten persönliche Werte als Orientierungspunkte, die auch in belastenden Lebensphasen bestehen bleiben können (Hayes et al., 2006).


Werte beschreiben dabei keine Ziele, die erreicht werden müssen. Sie geben vielmehr eine Richtung vor, an der sich Entscheidungen immer wieder orientieren können.


Dadurch können Entscheidungen mit der Zeit wieder stärker an der eigenen inneren Orientierung ausgerichtet werden und weniger ausschliesslich an äusseren Erwartungen.


Auch Forschung zum Selbstmitgefühl weist darauf hin, dass eine wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber helfen kann, eigene Bedürfnisse und Werte bewusster wahrzunehmen (Neff, 2003).


Wenn eigene Werte über längere Zeit in den Hintergrund getreten sind, fällt es oft schwer, sie spontan zu benennen. Der Wertekompass lädt dazu ein, die Aufmerksamkeit wieder auf die eigene Orientierung zu richten. Nicht, um sofort Antworten zu finden, sondern um schrittweise wieder wahrzunehmen, was dir persönlich wichtig ist.


Wertekompass
Erstelle dein eigener Wertekompass.



Fazit: Was du mitnehmen darfst


Stillleben mit Teetasse und Notizbuch

Eigene Werte gehen nicht verloren. Unter hoher Mehrfachverantwortung können sie jedoch über längere Zeit in den Hintergrund treten und dadurch schwerer zugänglich werden.


Wenn sich Entscheidungen über längere Zeit vor allem an äusseren Anforderungen orientieren, fällt es häufig schwerer wahrzunehmen, was einem selbst wichtig ist.


Eigene Werte können in solchen Phasen wieder Orientierung geben. Nicht als Vorgabe dafür, wie man sein sollte, sondern als innere Richtung, an der sich Entscheidungen langfristig ausrichten können.


Wenn du besser verstehen möchtest, weshalb sich dein Alltag trotz Funktionieren manchmal nicht mehr stimmig anfühlt, findest du dazu weitere Informationen im Beitrag «Selbstkongruenz: Warum sich dein Alltag manchmal nicht mehr stimmig anfühlt».


Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, kann es hilfreich sein, die eigene Situation psychologisch einzuordnen und besser zu verstehen, weshalb die Verbindung zu den eigenen Werten im Alltag zunehmend in den Hintergrund geraten ist.


In meinen Coachings entsteht genau dieser Raum, um eigene Werte, Bedürfnisse und innere Orientierung wieder bewusster wahrzunehmen und Schritt für Schritt mehr innere Stabilität im Alltag zu entwickeln.





Quellen

  • Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.

  • Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (2006). Acceptance and commitment therapy: An experiential approach to behavior change. Guilford Press.

  • Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032


Monia von Burg Coaching

Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch 


Monia von Burg


Wer bin ich?


Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.


Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.


In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.


Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.



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