Selbstkongruenz: Warum sich dein Alltag manchmal nicht mehr stimmig anfühlt
- Monia von Burg

- 6. Mai 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Juli

Im Alltag kann es vorkommen, dass äusserlich vieles funktioniert, während sich innerlich das Gefühl entwickelt, dass etwas nicht mehr richtig stimmig ist.
Diese Erfahrung lässt sich in der Psychologie mit dem Konzept der Selbstkongruenz beschreiben. Gemeint ist die Übereinstimmung zwischen dem eigenen Selbstbild und dem tatsächlichen Erleben im Alltag.
Fehlt diese Übereinstimmung über längere Zeit, kann sie zu innerer Anspannung beitragen oder das Gefühl verstärken, dass sich der Alltag zunehmend weniger stimmig anfühlt.
Wenn Alltag und inneres Erleben auseinanderfallen
Im Alltag gibt es Phasen, in denen Entscheidungen getroffen, Aufgaben organisiert und Verantwortung übernommen werden, ohne dass sich dabei ein inneres Gefühl von Stimmigkeit einstellt.
Gerade Frauen mit hoher Mehrfachverantwortung erleben häufig, dass mehrere gleichzeitig aktive Verantwortungsbereiche ihre innere Orientierung zunehmend in den Hintergrund treten lassen.
Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass das eigene Handeln immer häufiger nicht mehr zu dem passt, was einem selbst wichtig ist.
Was Selbstkongruenz bedeutet und weshalb sie psychologisch bedeutsam ist
In der Psychologie beschreibt Selbstkongruenz die Übereinstimmung zwischen dem eigenen Selbstbild und dem tatsächlichen Erleben sowie Verhalten im Alltag. Das Selbstbild umfasst dabei die Vorstellungen und Überzeugungen, die Menschen über sich selbst entwickelt haben.
Wenn du dich beispielsweise als empathischen Menschen erlebst, im Alltag aber deine eigenen Grenzen übergehst, kann eine innere Diskrepanz entstehen. Bleibt diese Diskrepanz über längere Zeit bestehen, kann sie mit innerer Anspannung und einem geringeren psychischen Wohlbefinden einhergehen.
Aktuelle Forschung zeigt, dass Menschen ein geringeres psychisches Wohlbefinden berichten, wenn ihr Verhalten über längere Zeit nicht mit ihren eigenen Überzeugungen, Werten oder Bedürfnissen übereinstimmt, selbst wenn sie ihren Alltag weiterhin gut bewältigen (Lenton et al., 2022; Galinha et al., 2023).
Solche Unstimmigkeiten sind kein Zeichen persönlicher Schwäche. Sie entstehen häufig dann, wenn äussere Anforderungen über längere Zeit wichtiger werden als die eigene innere Orientierung. Mehrfachverantwortung kann diese Entwicklung zusätzlich begünstigen.
Wie sich Inkongruenz zeigt
Selbstkongruenz zeigt sich selten plötzlich. Häufig entwickelt sich zunächst das Gefühl, dass das eigene Handeln nicht mehr vollständig zu dem passt, was einem wichtig ist. Typische Hinweise auf eine solche Inkongruenz können sein:
Entscheidungen erscheinen sachlich richtig, fühlen sich innerlich jedoch nicht mehr stimmig an
Eigene Einwände oder Bedürfnisse werden zurückgestellt, obwohl innerlich Widerstand spürbar ist
Verantwortung wird weiterhin übernommen, während eigene Bedürfnisse zunehmend in den Hintergrund geraten
Eigene Bedürfnisse werden wahrgenommen, im Alltag jedoch immer wieder zurückgestellt
Nicht jede dieser Erfahrungen weist auf eine fehlende Selbstkongruenz hin. Entscheidend ist vielmehr, ob solche Muster über längere Zeit bestehen bleiben und zunehmend das Gefühl entsteht, dass das eigene Handeln nicht mehr mit dem übereinstimmt, was einem wichtig ist.
Was psychologische Forschung über Selbstkongruenz zeigt
Das Konzept der Selbstkongruenz geht auf den Psychologen Carl Rogers (1961) zurück. Er beschrieb psychische Gesundheit als einen Prozess, in dem das eigene Erleben, das Selbstbild und das Verhalten möglichst gut miteinander übereinstimmen.
Diese Annahme wird durch neuere Forschung gestützt. Studien zeigen, dass Menschen ein höheres psychisches Wohlbefinden berichten, wenn ihr Verhalten mit ihren persönlichen Werten, Überzeugungen und ihrem authentischen Selbsterleben übereinstimmt (Sheldon et al., 1997; Galinha et al., 2023).
Aktuelle theoretische Arbeiten verstehen Authentizität sowie die Übereinstimmung zwischen innerem Erleben und Verhalten als dynamische Prozesse, die sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln können (Stirland et al., 2023).
Diese Zusammenhänge lassen sich auch auf den Alltag von Frauen mit hoher Mehrfachverantwortung übertragen. Werden Entscheidungen über längere Zeit vor allem an äusseren Anforderungen ausgerichtet, können eigene Bedürfnisse und persönliche Werte zunehmend in den Hintergrund treten. Dadurch kann sich der Alltag immer weniger stimmig anfühlen.
Selbstkongruenz beschreibt deshalb keinen festen Persönlichkeitszug, sondern einen Prozess, der sich im Verlauf des Lebens immer wieder verändern kann.
Wie Selbstkongruenz entsteht
Selbstkongruenz entwickelt sich meist schrittweise und nicht durch einzelne Entscheidungen oder einmalige Veränderungen. Sie entwickelt sich fortlaufend, wenn Selbstbild, eigenes Erleben und tatsächliches Verhalten zunehmend besser zueinander passen.
Für die Entwicklung von Selbstkongruenz sind insbesondere zwei Aspekte bedeutsam:
Die bewusste Wahrnehmung der eigenen Rollen und der Erwartungen, die damit verbunden sind.
Die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Bedürfnissen kann helfen, Entscheidungen stärker an der eigenen inneren Orientierung auszurichten.
Auch neuere psychologische Ansätze wie die Acceptance and Commitment Therapy (ACT) betonen, dass eine stärkere Orientierung an den eigenen Werten mit höherer psychologischer Flexibilität verbunden sein kann (Hayes et al., 2006).
Viele Menschen nehmen solche Unstimmigkeiten zunächst nur als diffuses Gefühl wahr. Häufig lässt sich zunächst gar nicht genau benennen, was sich verändert hat.
Erst wenn eigene Erwartungen, Rollen und Bedürfnisse bewusst reflektiert werden, wird häufig deutlicher, wodurch dieses Gefühl entsteht.
Gerade bei Frauen mit hoher Mehrfachverantwortung bleibt für diese Reflexion im Alltag oft wenig Raum. Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass die eigene innere Orientierung zunehmend in den Hintergrund tritt.
Fazit
Selbstkongruenz beschreibt keinen festen Zustand. Sie verändert sich fortlaufend und kann sich im Laufe des Lebens immer wieder neu entwickeln.
Gerade bei Frauen mit hoher Mehrfachverantwortung kann die Übereinstimmung zwischen dem eigenen Selbstbild und dem tatsächlichen Erleben im Alltag zunehmend verloren gehen. Verantwortung in verschiedenen Lebensbereichen kann dazu führen, dass eigene Bedürfnisse oder persönliche Werte immer häufiger in den Hintergrund treten.
Selbstkongruenz entwickelt sich in der Regel nicht durch einzelne Entscheidungen oder kurzfristige Veränderungen. Sie entsteht vielmehr schrittweise, wenn das eigene Handeln wieder stärker mit persönlichen Werten und dem eigenen Erleben übereinstimmt.
Diese Zusammenhänge zu verstehen, kann helfen, das eigene Erleben besser einzuordnen und dauerhafte innere Anspannung nicht ausschliesslich als Folge äusserer Belastung zu betrachten.
Wenn du besser verstehen möchtest, weshalb innere Anspannung auch dann bestehen bleiben kann, wenn äussere Anforderungen bereits abgenommen haben, findest du dazu weitere Informationen im Beitrag «Innere Anspannung regulieren: Warum Entlastung allein oft nicht ausreicht».
Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, kann es hilfreich sein, die eigene Situation psychologisch einzuordnen und besser zu verstehen, wodurch das Gefühl fehlender Stimmigkeit entstanden ist.
In meinen Coachings entsteht genau dieser Raum, um diese Zusammenhänge gemeinsam zu betrachten und Schritt für Schritt mehr innere Stabilität im Alltag zu entwickeln.
Quellen
Galinha, I. C., Balbino, I. F., Devezas, M. Â., & Trigo, B. R. (2023). Authenticity is associated with psychological and subjective well-being: Convergence between the self-report and informant’s report. Journal of Humanistic Counseling, 62(2), 77–96. https://doi.org/10.1002/johc.12173
Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (2006). Acceptance and commitment therapy: An experiential approach to behavior change. Guilford Press.
Lenton, A. P., Bruder, M., & Sedikides, C. (2022). Self-expression can be authentic or inauthentic: Differential outcomes for well-being. Journal of Research in Personality, 102, Article 104310. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2022.104310
Rogers, C. R. (1961). On becoming a person: A therapist’s view of psychotherapy. Houghton Mifflin.
Sheldon, K. M., Ryan, R. M., Rawsthorne, L. J., & Ilardi, B. (1997). Trait self and true self: Cross-role variation and psychological authenticity. Journal of Personality and Social Psychology, 73(6), 1380–1393. https://doi.org/10.1037/0022-3514.73.6.1380
Stirland, L. E., Ayele, B. A., Correa-Lopera, C., & Sturm, V. E. (2023). Authenticity and brain health: A values-based perspective and cultural education approach. Frontiers in Neurology, 14, Article 1206142. https://doi.org/10.3389/fneur.2023.1206142

Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch

Wer bin ich?
Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.
Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.
In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.
Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.
Wenn du deine aktuelle Situation etwas klarer einordnen möchtest, kann dieses Mini-Workbook ein ruhiger Einstieg sein.
Drei Fragen helfen dir, innezuhalten und wahrzunehmen, was gerade wirklich präsent ist.



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