Eigene Bedürfnisse wahrnehmen: Warum das im Alltag oft schwerfällt
- Monia von Burg

- 4. Feb. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, klingt zunächst selbstverständlich. Im Alltag vieler Frauen wird genau das jedoch zunehmend schwieriger.
Wer über längere Zeit Verantwortung in verschiedenen Lebensbereichen trägt, richtet die Aufmerksamkeit häufig zuerst auf das, was erledigt werden muss. Eigene Bedürfnisse treten dabei schrittweise in den Hintergrund.
Psychologisch betrachtet beginnt Selbstfürsorge nicht mit zusätzlichen Aktivitäten. Sie beginnt dort, wo eigene Bedürfnisse überhaupt wieder wahrgenommen werden können.
Gerade bei anhaltender innerer Anspannung ist dieser Zugang jedoch häufig eingeschränkt. Nicht weil Bedürfnisse fehlen, sondern weil sie unter dauerhafter Aktivierung zunehmend weniger wahrgenommen werden.
Warum eigene Bedürfnisse oft in den Hintergrund treten
Viele Menschen verbinden eigene Bedürfnisse mit Pausen, Erholung oder Selbstfürsorge. Im Alltag zeigt sich jedoch häufig, dass eigene Bedürfnisse bereits viel früher aus dem Blick geraten.
Psychologisch betrachtet geht es zunächst nicht darum, mehr für sich selbst zu tun. Entscheidend ist vielmehr, eigene körperliche und emotionale Signale überhaupt wieder wahrnehmen zu können.
Selbstfürsorge beginnt deshalb nicht erst bei konkreten Handlungen. Sie setzt bereits dort an, wo körperliche und emotionale Bedürfnisse bewusst wahrgenommen werden können (American Psychological Association, 2023).
Diese Wahrnehmung ist ein wichtiger Bestandteil psychologischer Selbstregulation. Sie hilft dabei, Belastung früher zu erkennen und angemessen auf innere Signale zu reagieren.
Studien zeigen, dass ein bewusster und fürsorglicher Umgang mit den eigenen Bedürfnissen mit einer besseren Emotionsregulation, geringerer Stressbelastung und höherem psychischem Wohlbefinden verbunden ist (Mills et al., 2018; Dorociak et al., 2017).
Warum viele Frauen ihre eigenen Bedürfnisse über längere Zeit zurückstellen, hängt häufig auch mit hohen inneren Ansprüchen zusammen. Mehr dazu findest du im Beitrag «Innere Ansprüche: Warum der Druck entsteht, allem gerecht werden zu müssen».
Warum eigene Bedürfnisse oft kaum noch wahrgenommen werden
Eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, fällt vielen Frauen nicht deshalb schwer, weil sie ihnen unwichtig wären. Häufig wird dieser Zugang mit der Zeit weniger selbstverständlich, wenn hohe innere Ansprüche und eine dauerhafte Aktivierung den Alltag prägen.
In der Psychologie wird die Wahrnehmung innerer körperlicher und emotionaler Zustände als Interozeption bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise Müdigkeit, innere Unruhe, Anspannung oder das Gefühl, eine Pause zu brauchen.
Studien zeigen, dass Menschen, die solche inneren Signale differenzierter wahrnehmen können, Belastung häufig früher erkennen und ihre Emotionen besser regulieren können (Mehling et al., 2012).
Warum eine dauerhaft erhöhte innere Aktivierung die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse erschweren kann, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag «Innere Anspannung regulieren: Warum Entlastung allein oft nicht ausreicht».
Warum eigene Bedürfnisse im Alltag oft untergehen
Viele Frauen gehen davon aus, dass sie mehr Zeit brauchen würden, um besser auf sich selbst achten zu können. Im Alltag zeigt sich jedoch häufig etwas anderes.
Entscheidend ist oft nicht, wie viel Zeit zur Verfügung steht, sondern ob eigene Bedürfnisse überhaupt wahrgenommen werden. Wer dauerhaft im Funktionsmodus bleibt, bemerkt Müdigkeit, Anspannung oder Überforderung häufig erst dann, wenn sie bereits deutlich ausgeprägt sind.
Bereits kleine Momente, in denen innere Signale bewusst wahrgenommen werden, können dazu beitragen, den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen wieder zu stärken. Dabei geht es zunächst nicht darum, etwas zu verändern, sondern überhaupt wahrzunehmen, was gerade im Inneren geschieht.
Warum das Funktionieren im Alltag häufig dazu führt, dass eigene Bedürfnisse in den Hintergrund treten, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag «Funktionieren im Alltag: Warum sich das Leben irgendwann nicht mehr stimmig anfühlt».
Warum der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen verloren gehen kann
Viele Frauen erleben, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse nur noch schwer wahrnehmen können. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bedürfnisse verschwunden sind. Häufig ist lediglich der Zugang dazu im Alltag weniger zugänglich geworden.
Gerade bei anhaltender Mehrfachverantwortung richtet sich die Aufmerksamkeit häufig über längere Zeit auf äussere Anforderungen. Verantwortung, Termine und Erwartungen anderer stehen dann im Vordergrund, während eigene Signale zunehmend in den Hintergrund treten.
Diese Entwicklung geschieht meist schleichend. Die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse geht nicht bewusst verloren, sondern wird über längere Zeit weniger zugänglich.

Studien zeigen, dass die Wahrnehmung innerer Körpersignale grundsätzlich wieder gestärkt werden kann. Besonders Verfahren, die die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper richten, werden mit einer verbesserten Interozeption in Verbindung gebracht (Farb et al., 2013).
Kleine Übung: Eigene Bedürfnisse wahrnehmen
Die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse lässt sich nicht erzwingen. Häufig beginnt sie mit kleinen Momenten bewusster Aufmerksamkeit für den eigenen Körper und das eigene Erleben.
Es geht dabei nicht darum, sofort etwas zu verändern. Oft ist der erste Schritt bereits, wahrzunehmen, was gerade da ist.
Fazit
Eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, ist keine zusätzliche Aufgabe. Vielmehr bildet diese Fähigkeit eine wichtige Grundlage dafür, Belastung frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf reagieren zu können.
Gerade bei hoher Mehrfachverantwortung kann dieser Zugang jedoch mit der Zeit weniger selbstverständlich werden. Aufmerksamkeit richtet sich dann vor allem auf äussere Anforderungen, während eigene Signale zunehmend in den Hintergrund treten.
Diese Dynamik zu verstehen, kann helfen, das eigene Erleben differenzierter einzuordnen. Nicht weil dadurch Belastung sofort verschwindet, sondern weil verständlicher wird, weshalb eigene Bedürfnisse häufig erst sehr spät wahrgenommen werden.
Wenn du besser verstehen möchtest, weshalb innere Anspannung trotz äusserer Entlastung bestehen bleiben kann, findest du dazu weitere Informationen im Beitrag «Innere Anspannung regulieren: Warum Entlastung allein oft nicht ausreicht».
Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, geht es häufig nicht darum, dich stärker anzustrengen oder noch besser für dich zu sorgen. Vielmehr kann es hilfreich sein, die eigene Situation psychologisch einzuordnen und wieder einen Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu entwickeln.
In meinen Coachings entsteht genau dieser Raum, um diese Zusammenhänge gemeinsam zu betrachten und Schritt für Schritt mehr innere Stabilität im Alltag zu entwickeln.
Quellen
American Psychological Association. (2023). Self-care. In APA dictionary of psychology. https://dictionary.apa.org/self-care
Dorociak, K. E., Rupert, P. A., Bryant, F. B., & Zahniser, E. (2017). Development of the Self-Care Assessment for Psychologists. Journal of Counseling Psychology, 64(3), 325–334. https://doi.org/10.1037/cou0000206
Farb, N. A. S., Segal, Z. V., & Anderson, A. K. (2013). Mindfulness meditation training alters cortical representations of interoceptive attention. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 8(1), 15–26. https://doi.org/10.1093/scan/nss066
Mehling, W. E., Price, C., Daubenmier, J. J., Acree, M., Bartmess, E., & Stewart, A. L. (2012). The Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness (MAIA). PLOS ONE, 7(11), e48230. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0048230
Mills, J., Wand, T., & Fraser, J. A. (2018). Self-care in health professionals: A concept analysis. International Journal of Nursing Studies, 88, 105–113. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2018.08.015

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Wer bin ich?
Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.
Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.
In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.
Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.
Wenn du deine aktuelle Situation etwas klarer einordnen möchtest, kann dieses Mini-Workbook ein ruhiger Einstieg sein.
Drei Fragen helfen dir, innezuhalten und wahrzunehmen, was gerade wirklich präsent ist.




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