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Innere Ansprüche und Überforderung: Warum der Druck entsteht

  • Autorenbild: Monia von Burg
    Monia von Burg
  • 4. März 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Balance

Viele Frauen tragen gleichzeitig Verantwortung in verschiedenen Bereichen und möchten diesen gerecht werden.


Mit der Zeit entsteht dabei oft ein innerer Anspruch, alles gut und möglichst für alle stimmig zu machen.


Dieser Anspruch bleibt häufig im Hintergrund – und wird oft erst dann spürbar, wenn die innere Anspannung zunimmt und sich Erschöpfung entwickelt.


Psychologisch ist dabei nicht nur entscheidend, was äusserlich gefordert ist, sondern wie stark innere Ansprüche, Verantwortungsgefühl und der Wunsch nach Zugehörigkeit gleichzeitig wirksam werden.


Wie der Wunsch nach Harmonie zur stillen Überforderung wird

Psychologisch lässt sich zwischen einem realistischen Anspruch an Sorgfalt und einem inneren Druck unterscheiden, der darauf ausgerichtet ist, alles richtig machen zu müssen.


Letzterer wirkt oft unauffällig, aber dauerhaft. Besonders belastend wird er dann, wenn der eigene Selbstwert eng damit verknüpft ist, verlässlich, umsichtig und für andere da zu sein.


Forschung zu Perfektionismus und innerem Leistungsdruck zeigt, dass solche Ansprüche mit Erschöpfung, Schlafproblemen und einer erhöhten Stressanfälligkeit einhergehen können (Hill & Curran, 2016; Suh et al., 2019).


Dieser Druck entsteht dabei meist nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Fürsorge, Verantwortungsgefühl und dem Wunsch, Beziehungen stabil zu halten. Innerer Druck entsteht oft in einem Kontext, in dem mehrere Rollen gleichzeitig aktiv sind.


Warum der Wunsch, niemanden zu enttäuschen, so tief sitzt


Bindung, Rollenbilder und Selbstwert als psychologische Hintergründe

Der Wunsch, niemanden zu enttäuschen, wirkt selten nur auf der Oberfläche. Häufig ist er eng mit frühen Beziehungserfahrungen, sozialen Erwartungen und dem eigenen Selbstwert verbunden.


Bindung und Zugehörigkeit

Aus bindungspsychologischer Sicht ist das Bedürfnis, Beziehungen aufrechtzuerhalten und Konflikte möglichst zu vermeiden, eng mit dem menschlichen Bedürfnis nach Verbundenheit verknüpft. Forschung zeigt, dass soziale Zurückweisung im Gehirn ähnliche Netzwerke aktiviert wie körperlicher Schmerz (Eisenberger et al., 2003). Enttäuschung oder Distanz werden deshalb nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich als belastend erlebt.


Soziale Rollenbilder

Viele Frauen lernen früh, Rücksicht zu nehmen, zu vermitteln und Verantwortung für das emotionale Gleichgewicht im Umfeld zu übernehmen. Solche Erfahrungen prägen oft das Selbstbild und können dazu führen, dass Fürsorge nicht nur als Stärke, sondern auch als stiller innerer Auftrag erlebt wird (Gilligan, 1982).


Selbstwert und Anerkennung

Wenn Anerkennung vor allem über Leistung, Anpassung oder Verlässlichkeit erfahren wurde, kann sich der eigene Wert eng an das Gefühl binden, den Erwartungen anderer gerecht werden zu müssen. Grenzen, Fehler oder eigene Bedürfnisse werden dann schneller als persönliches Versagen erlebt (Flett et al., 2002).


Diese Zusammenhänge erklären, warum innere Ansprüche oft leise wirken und gleichzeitig so hartnäckig bestehen bleiben.



Warum Überforderung nicht durch Gleichverteilung verschwindet

Überforderung wird häufig so verstanden, als müsse Zeit, Energie und Aufmerksamkeit nur gerechter auf verschiedene Lebensbereiche verteilt werden.


Im Alltag zeigt sich jedoch oft etwas anderes: Belastend ist nicht allein, dass viele Anforderungen gleichzeitig bestehen, sondern dass innerlich der Anspruch wirksam bleibt, in allen Bereichen präsent, verlässlich und ausreichend zu sein.


Dadurch entsteht eine Form von innerer Daueranspannung, die sich nicht automatisch auflöst, selbst wenn einzelne äussere Anforderungen reduziert werden.


Das erklärt auch, warum das Gefühl von Überforderung nicht einfach verschwindet, wenn nur der Kalender besser strukturiert oder Aufgaben neu verteilt werden.


Welche Rolle Selbstmitgefühl im Umgang mit innerem Druck spielt


Was dich aus dem Gleichgewicht bringt

Forschung zu Selbstmitgefühl – insbesondere die Arbeiten von Kristin Neff (2003) – zeigt, dass der Umgang mit sich selbst einen direkten Einfluss auf Stressverarbeitung und emotionale Stabilität hat.


Selbstmitgefühl beschreibt dabei keine Strategie zur Leistungssteigerung, sondern eine innere Haltung im Umgang mit Belastung.


Studien zeigen, dass ein selbstfreundlicher Umgang mit sich selbst mit geringerer Stressbelastung, höherer emotionaler Stabilität und einem flexibleren Umgang mit Anforderungen einhergeht.


Im Kontext von hohen inneren Ansprüchen kann diese Haltung dazu beitragen, den inneren Druck zu reduzieren, ohne dass äussere Anforderungen unmittelbar verändert werden müssen.


Wie Selbstmitgefühl psychologisch beschrieben wird


In der psychologischen Forschung wird Selbstmitgefühl häufig über drei miteinander verbundene Elemente beschrieben: ein achtsames Wahrnehmen eigener Belastung, die Einordnung dieser Erfahrung als Teil menschlicher Wirklichkeit sowie ein wohlwollender Umgang mit sich selbst (Neff, 2003).


Diese Haltung bedeutet nicht, Belastung zu verharmlosen oder Ansprüche einfach aufzugeben. Vielmehr ermöglicht sie einen weniger selbstabwertenden Umgang mit innerem Druck.


Gerade bei hohen inneren Ansprüchen ist dieser Unterschied bedeutsam: Nicht zusätzliche Härte führt zu mehr Stabilität, sondern die Fähigkeit, Belastung klar wahrzunehmen, ohne sie sofort mit Selbstkritik zu verstärken.



Mini Übung
Ein kurzer Selbst-Check-In: Nimm dir 2–3 Minuten – vielleicht mit einer Tasse Tee oder nach einem tiefen Atemzug. Beantworte die Fragen für dich.


Fazit


Blumen

Innere Ansprüche lassen sich meist nicht einfach durch Einsicht oder gute Vorsätze verändern.


Gerade weil sie eng mit Bindung, Verantwortung und dem eigenen Selbstwert verbunden sind, fühlen sie sich oft selbstverständlich oder sogar notwendig an.


Deshalb genügt es häufig nicht, nur zu erkennen, dass der innere Druck hoch ist. Entscheidend ist, die psychologische Funktion dieser Ansprüche zu verstehen – und zu sehen, weshalb sie so verlässlich immer wieder aktiviert werden.


Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, geht es oft nicht darum, noch mehr zu leisten oder alles besser zu organisieren.


Sondern darum, die eigene Situation genauer zu verstehen und einen Umgang damit zu finden, der langfristig trägt.


Genau dafür kann es hilfreich sein, einen geschützten Rahmen zu haben, in dem du deine Situation in Ruhe einordnen kannst.



Quellen

  • Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292. https://doi.org/10.1126/science.1089134

  • Flett, G. L., Hewitt, P. L., Blankstein, K. R., & Mosher, S. W. (2002). Perfectionism, distress, and mechanisms of coping. In G. L. Flett & P. L. Hewitt (Eds.), Perfectionism: Theory, research, and treatment (pp. 283–307). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/10458-012

  • Gilligan, C. (1982). In a different voice: Psychological theory and women’s development. Harvard University Press.

  • Hill, A. P., & Curran, T. (2016). Multidimensional perfectionism and burnout: A meta-analysis. Personality and Social Psychology Review, 20(3), 269–288. https://doi.org/10.1177/1088868315596286

  • Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032

  • Suh, H., Sohn, H., Kim, T., & Lee, D. G. (2019). A review and meta-analysis of perfectionism and sleep quality. Journal of Counseling Psychology, 66(1), 107–120. https://doi.org/10.1037/cou0000312

     

Monia von Burg Coaching

Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch 


Monia von Burg

Wer bin ich?


Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.


Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.


In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.


Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.





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