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"Warum der Alltag innerlich so anstrengend ist"

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Mentale Erschöpfung bei dauerhaft innerer Anspannung

  • Autorenbild: Monia von Burg
    Monia von Burg
  • vor 5 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Symbolbild für inneren Druck

Viele Frauen erleben innere Anspannung nicht als akutes Problem, sondern als etwas, das sie mittragen.


Sie funktionieren im Alltag, treffen Entscheidungen, übernehmen Verantwortung – und merken erst allmählich, wie viel innere Energie das kostet.


Erschöpfung zeigt sich dabei nicht als Zusammenbruch, sondern als dauerhaft erhöhter innerer Druck.



Psychologische Einordnung eines häufig übersehenen Belastungszustands




Symbolbild für Belastungszustands

Erschöpfung wird im allgemeinen Verständnis häufig mit Überforderung, Leistungsabfall oder Rückzug gleichgesetzt. Psychologisch betrachtet greift diese Annahme jedoch zu kurz. Bereits seit Jahrzehnten zeigt die Forschung aus der Stress- und Gesundheitspsychologie, dass Erschöpfungszustände auch bei erhaltener äusserer Funktionsfähigkeit auftreten können (McEwen & Stellar, 1993; Schaufeli & Taris, 2014).


Gerade Frauen, die über längere Zeit Verantwortung tragen – beruflich, familiär oder emotional –, berichten häufig von anhaltender innerer Anspannung, ohne dass sich diese nach aussen deutlich zeigt. Der Alltag wird bewältigt, Verpflichtungen werden erfüllt, Entscheidungen getroffen. Gleichzeitig nimmt das Erleben von innerer Ruhe und Regeneration ab. Dieser Zustand wird oft lange nicht als Erschöpfung eingeordnet, sondern als normale Begleiterscheinung eines anspruchsvollen Lebens interpretiert.


Wie sich dieses dauerhafte Funktionieren im Alltag anfühlt und warum es oft lange nicht als Belastung erkannt wird, habe ich im Artikel „Funktionieren ist kein Lebensgefühl – wie du dich zwischen deinen Rollen wieder spürst“ vertieft beschrieben.


Aus psychologischer Sicht handelt es sich dabei um ein klar beschreibbares Belastungsmuster.



Funktionieren schliesst Erschöpfung nicht aus



Funktionieren schliesst Erschöpfung nicht aus - Symbolbild langer Gang minimales Licht

Gerade weil der Alltag nach aussen stabil wirkt, bleibt diese Form von Erschöpfung oft lange unbeachtet – auch von den Betroffenen selbst. Das bedeutet konkret: Auch wenn der Alltag nach aussen stabil wirkt, kann innerlich bereits eine erhebliche Belastung bestehen.


In der Stressforschung gilt als gut belegt, dass subjektives Belastungserleben und objektive Leistungsfähigkeit nicht zwingend miteinander korrelieren. Menschen können über lange Zeit leistungsfähig bleiben, während gleichzeitig eine erhöhte psychophysiologische Aktivierung besteht (Lazarus & Folkman, 1984; Ganster & Rosen, 2013).


Ein zentrales Erklärungsmodell hierfür ist das Konzept der allostatischen Last. McEwen (1998) beschreibt damit die kumulative Belastung des Organismus, die entsteht, wenn Anpassungsleistungen über längere Zeit aufrechterhalten werden, ohne dass ausreichende Regenerationsprozesse stattfinden. Der Körper verbleibt in einem Zustand erhöhter Aktivierung, auch wenn akute Stressoren zeitweise fehlen.


Typisch für diesen Zustand sind:

  • anhaltende innere Spannung

  • erhöhte Wachsamkeit auch in Ruhephasen

  • reduzierte Fähigkeit zur physiologischen Erholung


Diese Form der Belastung bleibt häufig unauffällig, da sie mit funktionierendem Alltag vereinbar ist. Gerade diese Unauffälligkeit trägt dazu bei, dass sie spät erkannt wird.



Dauerhafte Anspannung verändert die Selbstwahrnehmung



Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Wahrnehmung eigener innerer Zustände. Studien aus der Neuropsychologie und Emotionsforschung zeigen, dass chronischer Stress die interozeptive Wahrnehmung beeinträchtigt – also die Fähigkeit, körperliche und emotionale Signale differenziert wahrzunehmen (Craig, 2002; Farb et al., 2015).


Symbolbild für interozeptive Wahrnehmung

Bei anhaltender Aktivierung lassen sich unter anderem beobachten:


  • eine Abschwächung von Warnsignalen wie Müdigkeit oder Erschöpfung

  • kognitive Übersteuerung körperlicher Bedürfnisse

  • eine Normalisierung innerer Spannung als Grundzustand


Erschöpfung wird dadurch nicht als akutes Signal erlebt, sondern als konstantes Hintergrundgefühl. Viele merken erst im Vergleich – etwa im Urlaub oder in ruhigen Phasen –, wie angespannt ihr innerer Zustand zuvor tatsächlich war.


Wie sich diese veränderte Wahrnehmung im Alltag zeigt und warum innere Klarheit dabei eine zentrale Rolle spielt, habe ich im Beitrag „Zwischen Selbstbild und Alltag – warum psychische Klarheit entsteht, wenn beides zusammenpasst“ näher ausgeführt.


In ruhigen Momenten gelingt inneres Abschalten oft nicht, und auch nach Pausen stellt sich keine wirkliche Erholung ein. Es geht weniger um das Gefühl von „nicht mehr können“, sondern vielmehr um ein dauerhaftes inneres „Bereit-sein-müssen“.


Psychologisch handelt es sich hierbei nicht um mangelnde Selbstwahrnehmung, sondern um eine stressbedingte Anpassungsleistung des Nervensystems (McEwen, 2007).



Warum frühe Erschöpfung oft nicht ernst genommen wird


Dass Erholung allein nicht immer zu spürbarer Entlastung führt, ist ein häufiges Thema bei anhaltender innerer Anspannung. Diesen Aspekt habe ich im Artikel „Herbstmüdigkeit und mentale Erschöpfung – warum viele Frauen im Spätherbst an ihre Grenzen kommen“ vertieft beleuchtet.



Symbolbild - frühe Erschöpfung wird of nicht ernst genommen

Erschöpfung ohne äussere Auffälligkeit wird gesellschaftlich selten als behandlungsbedürftig eingeordnet. Solange Rollen erfüllt und Erwartungen bedient werden, fehlt häufig ein äusserer Anlass zur Reflexion.


Die Symptome bleiben diffus:


  • innere Unruhe ohne klaren Auslöser

  • fehlende Erholung trotz Pausen

  • zunehmendes Kontrollbedürfnis

  • emotionale Distanz zum eigenen Erleben


Forschung zur Emotionsregulation zeigt, dass insbesondere Personen mit hoher Verantwortungsorientierung dazu neigen, Belastung kognitiv zu relativieren und emotionale Signale zu unterdrücken (Gross & John, 2003; Troy et al., 2010). Langfristig erhöht dies das Risiko für chronische Erschöpfungszustände.



Abgrenzung zu akuter Erschöpfung und Burnout


Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout als arbeitsbezogenes Syndrom infolge chronischen Stresses, der nicht erfolgreich bewältigt wurde (WHO, ICD-11). Der hier beschriebene Zustand liegt häufig unterhalb dieser diagnostischen Schwelle.


Kennzeichnend sind:

  • erhaltene Handlungsfähigkeit

  • fehlender Zusammenbruch

  • gleichzeitig reduzierte innere Stabilität


Studien zeigen, dass frühe, stabilisierende Interventionen in dieser Phase wirksamer sind als Massnahmen, die erst bei manifestem Burnout greifen (Ahola et al., 2014).



Stabilisierung als psychologischer Ansatz


Stabilisierung als psychologischer Ansatz

Stabilisierung bedeutet aus psychologischer Perspektive nicht Rückzug oder grundlegende Veränderung der Lebensumstände. Gemeint ist vielmehr die Wiederherstellung innerer Sicherheit unter bestehenden Bedingungen.


Zentrale Ansatzpunkte sind:

  • Reduktion chronischer Aktivierung

  • Verbesserung der Selbstanbindung

  • Förderung autonomer Regulationsfähigkeit


Dieser Ansatz ist insbesondere in der traumasensiblen Psychologie und der Stressregulationsforschung gut etabliert (Porges, 2011; Siegel, 2012). Ziel ist nicht Optimierung, sondern Regulation.




Zur persönlichen Einordnung


Nicht jede innere Anspannung ist problematisch. Entscheidend ist jedoch, ob sie sich noch von selbst reguliert – oder ob sie über längere Zeit mitgetragen wird, ohne spürbar nachzulassen.


Wenn innere Spannung auch dann bestehen bleibt, wenn äussere Anforderungen abnehmen, wenn Erholung nicht mehr entlastet und Anspannung zum Grundzustand wird, verschiebt sich der Charakter der Belastung. Sie ist dann weniger eine Reaktion auf Umstände als ein inneres Muster, das nicht mehr allein abklingt.


Spätestens an diesem Punkt geht es nicht mehr nur um Verstehen, sondern um bewusste Stabilisierung.



Coachingraum Baden Monia von Burg Coaching

Fachlicher Rahmen


Die in diesem Artikel beschriebenen Zusammenhänge basieren auf Erkenntnissen aus der Stress-, Gesundheits- und Neuropsychologie. Die Einordnung von Erschöpfung als Zustand unterhalb klar definierter Krankheitsbilder wie Burnout stützt sich auf die aktuelle Forschungslage und entsprechende Publikationen.


Als Autorin dieses Beitrags arbeite ich nicht psychotherapeutisch, sondern als Psychologin und Coach. Die beschriebenen Konzepte dienen der psychologischen Einordnung und Orientierung, nicht der Diagnostik oder Behandlung psychischer Erkrankungen.


Coaching richtet sich an Personen, die sich im Alltag grundsätzlich handlungsfähig erleben, jedoch unter anhaltender innerer Anspannung oder Erschöpfung leiden und sich eine professionelle Begleitung zur Stabilisierung, Selbstklärung und Regulation wünschen. Bei Verdacht auf behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen ist eine psychotherapeutische oder ärztliche Abklärung sinnvoll.



Schlussbemerkung


Mentale Erschöpfung zeigt sich nicht immer dort, wo sie erwartet wird. Forschungsergebnisse aus Psychologie und Neurobiologie machen deutlich, dass nicht der Zusammenbruch das erste Warnsignal ist, sondern die langfristige innere Anspannung, die als normal erlebt wird.

Ein frühzeitiges Verstehen dieser Prozesse ermöglicht es, Belastung ernst zu nehmen, bevor sie sich verfestigt – nicht aus Schwäche, sondern aus Verantwortung gegenüber der eigenen inneren Stabilität.




Quellen


  • Ahola, K., Toppinen-Tanner, S., & Seppänen, J. (2014). Interventions to alleviate burnout symptoms and to support return to work among employees with burnout: Systematic review and meta-analysis. Burnout Research, 1(1), 1–11. https://doi.org/10.1016/j.burn.2014.01.002

  • Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: The sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655–666. https://doi.org/10.1038/nrn894

  • Farb, N. A. S., Segal, Z. V., & Anderson, A. K. (2015). Mindfulness meditation training alters cortical representations of interoceptive attention. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 10(11), 1533–1541. https://doi.org/10.1093/scan/nsv066

  • Ganster, D. C., & Rosen, C. C. (2013). Work stress and employee health: A multidisciplinary review. Journal of Management, 39(5), 1085–1122. https://doi.org/10.1177/0149206313475815

  • Gross, J. J., & John, O. P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362. https://doi.org/10.1037/0022-3514.85.2.348

  • Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. New York, NY: Springer.

  • McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. https://doi.org/10.1056/NEJM199801153380307

  • McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904. https://doi.org/10.1152/physrev.00041.2006

  • McEwen, B. S., & Stellar, E. (1993). Stress and the individual: Mechanisms leading to disease. Archives of Internal Medicine, 153(18), 2093–2101. https://doi.org/10.1001/archinte.1993.00410180039004

  • Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. New York, NY: W. W. Norton & Company.

  • Schaufeli, W. B., & Taris, T. W. (2014). A critical review of the job demands–resources model: Implications for improving work and health. In G. F. Bauer & O. Hämmig (Eds.), Bridging occupational, organizational and public health (pp. 43–68). Dordrecht: Springer. https://doi.org/10.1007/978-94-007-5640-3_4

  • Siegel, D. J. (2012). The developing mind: How relationships and the brain interact to shape who we are (2nd ed.). New York, NY: Guilford Press.

  • Troy, A. S., Wilhelm, F. H., Shallcross, A. J., & Mauss, I. B. (2010). Seeing the silver lining: Cognitive reappraisal ability moderates the relationship between stress and depressive symptoms. Journal of Abnormal Psychology, 119(2), 304–313. https://doi.org/10.1037/a0018862

  • World Health Organization. (2019). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th rev.). https://icd.who.int/




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Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch 


Monia von Burg


Wer bin ich?


Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc, UZH) und Coach. Ich begleite Frauen in Baden (AG) sowie online, die über längere Zeit viel Verantwortung tragen und zunehmend spüren, wie viel innere Energie und Kraft sie das tägliche Tragen kostet.


In meiner Arbeit als Coach biete ich einen strukturierten, psychologisch fundierten Rahmen, um innezuhalten, innere Zusammenhänge zu verstehen und wieder mehr innere Sicherheit im bestehenden Alltag zu entwickeln.



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