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Mentale Erschöpfung: Warum innere Anspannung oft lange unbemerkt bleibt

  • Autorenbild: Monia von Burg
    Monia von Burg
  • 9. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag


Symbolbild für inneren Druck

Viele Frauen erleben innere Anspannung nicht als akutes Problem, sondern als einen Zustand, der über lange Zeit bestehen bleibt.


Sie funktionieren im Alltag, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung – und merken oft erst verzögert, wie viel innere Energie das dauerhaft bindet.


Erschöpfung zeigt sich dabei nicht als Zusammenbruch, sondern als anhaltender innerer Druck.



Warum Erschöpfung oft lange nicht erkannt wird



Symbolbild für Belastungszustands

Erschöpfung wird im allgemeinen Verständnis häufig mit Überforderung, Leistungsabfall oder Rückzug gleichgesetzt. Psychologisch betrachtet greift diese Annahme jedoch zu kurz. Bereits seit Jahrzehnten zeigt die Forschung aus der Stress- und Gesundheitspsychologie, dass Erschöpfungszustände auch bei erhaltener äusserer Funktionsfähigkeit auftreten können (McEwen & Stellar, 1993; Schaufeli & Taris, 2014).


Gerade Frauen, die über längere Zeit Verantwortung tragen – beruflich, familiär oder emotional –, berichten häufig von anhaltender innerer Anspannung, ohne dass sich diese nach aussen deutlich zeigt. Der Alltag wird bewältigt, Verpflichtungen werden erfüllt, Entscheidungen getroffen. Gleichzeitig nimmt das Erleben von innerer Ruhe und Regeneration ab. Dieser Zustand wird oft lange nicht als Erschöpfung eingeordnet, sondern als normale Begleiterscheinung eines anspruchsvollen Lebens interpretiert.


Wie sich dieses dauerhafte Funktionieren im Alltag anfühlt und warum es oft lange nicht als Belastung erkannt wird, habe ich im Artikel „Funktionieren ist kein Lebensgefühl – wie du dich zwischen deinen Rollen wieder spürst“ vertieft beschrieben.



Funktionieren schliesst Erschöpfung nicht aus


Gerade weil der Alltag nach aussen stabil wirkt, bleibt diese Form von Erschöpfung oft lange unbeachtet – auch von den Betroffenen selbst. Innerlich kann dabei bereits eine erhebliche Belastung bestehen.


In der Stressforschung gilt als gut belegt, dass subjektives Belastungserleben und objektive Leistungsfähigkeit nicht zwingend miteinander korrelieren. Menschen können über lange Zeit leistungsfähig bleiben, während gleichzeitig eine erhöhte psychophysiologische Aktivierung besteht (Lazarus & Folkman, 1984; Ganster & Rosen, 2013).


Funktionieren schliesst Erschöpfung nicht aus - Symbolbild langer Gang minimales Licht

Ein zentrales Erklärungsmodell hierfür ist das Konzept der allostatischen Last. McEwen (1998) beschreibt damit die kumulative Belastung des Organismus, die entsteht, wenn Anpassungsleistungen über längere Zeit aufrechterhalten werden, ohne dass ausreichende Regenerationsprozesse stattfinden. Der Körper verbleibt in einem Zustand erhöhter Aktivierung, auch wenn aktuell keine akuten Stressoren bestehen.


  • Typisch für diesen Zustand sind:

  • anhaltende innere Spannung

  • erhöhte Wachsamkeit auch in Ruhephasen

  • eingeschränkte Erholungsfähigkeit


Diese Form der Belastung bleibt häufig unauffällig, da sie mit funktionierendem Alltag vereinbar ist. Gerade diese Unauffälligkeit trägt dazu bei, dass sie spät erkannt wird.



Dauerhafte Anspannung verändert die Selbstwahrnehmung



Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Wahrnehmung eigener innerer Zustände. Studien aus der Neuropsychologie und Emotionsforschung zeigen, dass chronischer Stress die interozeptive Wahrnehmung beeinträchtigt – also die Fähigkeit, körperliche und emotionale Signale differenziert wahrzunehmen (Craig, 2002; Farb et al., 2015).


Symbolbild für interozeptive Wahrnehmung

Bei anhaltender Aktivierung lassen sich unter anderem folgende Veränderungen beobachten:


  • eine Abschwächung von Warnsignalen wie Müdigkeit oder Erschöpfung

  • ein gedankliches Übergehen körperlicher Bedürfnisse

  • eine zunehmende Gewöhnung an innere Anspannung als Grundzustand


Erschöpfung wird dadurch nicht als akutes Signal erlebt, sondern eher als ein konstantes Hintergrundgefühl. Viele bemerken erst im Vergleich – etwa in ruhigeren Phasen oder im Urlaub –, wie angespannt ihr innerer Zustand zuvor tatsächlich war.


Wie sich diese veränderte Wahrnehmung im Alltag zeigt und warum innere Klarheit dabei eine zentrale Rolle spielt, habe ich im Beitrag „Zwischen Selbstbild und Alltag – warum psychische Klarheit entsteht, wenn beides zusammenpasst“ näher ausgeführt.


In ruhigen Momenten gelingt inneres Abschalten oft nicht, und auch nach Pausen stellt sich keine spürbare Erholung ein. Es geht weniger um das Gefühl von „nicht mehr können“, sondern um eine Form anhaltender innerer Anspannung, die sich häufig wie ein dauerhaftes Bereit-sein-müssen anfühlt.


Psychologisch lässt sich dies nicht als mangelnde Selbstwahrnehmung verstehen, sondern als stressbedingte Anpassungsleistung des Nervensystems (McEwen, 2007).



Warum frühe Erschöpfung oft nicht ernst genommen wird


Dass Erholung allein nicht immer zu spürbarer Entlastung führt, ist ein häufiges Muster bei anhaltender innerer Anspannung. Diesen Aspekt habe ich im Artikel „Herbstmüdigkeit und mentale Erschöpfung – warum viele Frauen im Spätherbst an ihre Grenzen kommen“ vertieft beleuchtet.



Symbolbild - frühe Erschöpfung wird of nicht ernst genommen

Erschöpfung ohne äussere Auffälligkeit wird gesellschaftlich selten als behandlungsbedürftig eingeordnet. Solange Rollen erfüllt und Erwartungen bedient werden, fehlt häufig ein äusserer Anlass zur Reflexion.


Die Symptome bleiben diffus:


  • innere Unruhe ohne klaren Auslöser

  • ausbleibende Erholung trotz Pausen

  • zunehmendes Kontrollbedürfnis

  • emotionale Distanz zum eigenen Erleben


Forschung zur Emotionsregulation zeigt, dass insbesondere Personen mit hoher Verantwortungsorientierung dazu neigen, Belastung kognitiv zu relativieren und emotionale Signale zu unterdrücken (Gross & John, 2003; Troy et al., 2010). Langfristig erhöht dies das Risiko für chronische Erschöpfungszustände.



Abgrenzung zu akuter Erschöpfung und Burnout


Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout als arbeitsbezogenes Syndrom infolge chronischen Stresses, der nicht erfolgreich bewältigt wurde (WHO, ICD-11). Der hier beschriebene Zustand liegt häufig unterhalb dieser diagnostischen Schwelle.


Kennzeichnend sind:

  • erhaltene Handlungsfähigkeit

  • fehlender Zusammenbruch

  • gleichzeitig reduzierte innere Stabilität


Studien zeigen, dass frühe, stabilisierende Interventionen in dieser Phase wirksamer sind als Massnahmen, die erst bei manifestem Burnout greifen (Ahola et al., 2014).



Stabilisierung als psychologischer Ansatz



Gemeint ist die Wiederherstellung innerer Sicherheit unter bestehenden Bedingungen.


Zentrale Ansatzpunkte sind:

  • Reduktion chronischer Aktivierung

  • Verbesserung der Selbstanbindung

  • Förderung autonomer Regulationsfähigkeit


Stabilisierung als psychologischer Ansatz

Dieser Ansatz ist insbesondere in der traumasensiblen Psychologie und der Stressregulationsforschung gut etabliert (Porges, 2011; Siegel, 2012). Ziel ist nicht Optimierung, sondern Regulation.




Zur persönlichen Einordnung


Nicht jede innere Anspannung ist problematisch. Entscheidend ist jedoch, ob sie sich noch von selbst reguliert – oder ob sie über längere Zeit mitgetragen wird, ohne spürbar nachzulassen.


Wenn innere Spannung auch dann bestehen bleibt, wenn äussere Anforderungen abnehmen, wenn Erholung nicht mehr entlastet und Anspannung zum Grundzustand wird, verschiebt sich der Charakter der Belastung. Sie wird dann weniger als Reaktion auf Umstände erlebt, sondern als ein inneres Muster


Spätestens an diesem Punkt geht es nicht mehr nur um Verstehen, sondern um bewusste Stabilisierung.



Coachingraum Baden Monia von Burg Coaching

Fachlicher Rahmen


Die in diesem Artikel beschriebenen Zusammenhänge basieren auf Erkenntnissen aus der Stress-, Gesundheits- und Neuropsychologie.


Der dargestellte Zustand beschreibt eine Form anhaltender innerer Anspannung und Erschöpfung, die unterhalb klinisch diagnostizierbarer Störungsbilder liegen kann.


Coaching richtet sich in diesem Kontext an Personen, die ihren Alltag grundsätzlich bewältigen, jedoch eine anhaltende innere Belastung erleben und diese besser verstehen sowie regulieren möchten.


Es ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Bei Verdacht auf eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.



Schlussbemerkung


Mentale Erschöpfung zeigt sich nicht immer dort, wo sie erwartet wird. Forschung aus Psychologie und Neurobiologie weist darauf hin, dass nicht der Zusammenbruch das erste Anzeichen ist, sondern häufig eine anhaltende innere Anspannung, die über längere Zeit als normal erlebt wird.


Ein frühzeitiges Verstehen dieser Prozesse kann dazu beitragen, innere Belastung differenzierter einzuordnen, bevor sie sich weiter verfestigt.




Quellen


  • Ahola, K., Toppinen-Tanner, S., & Seppänen, J. (2014). Interventions to alleviate burnout symptoms and to support return to work among employees with burnout: A systematic review and meta-analysis. Burnout Research, 1(1), 1–11. https://doi.org/10.1016/j.burn.2014.01.002

  • Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: The sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655–666. https://doi.org/10.1038/nrn894

  • Farb, N. A. S., Segal, Z. V., & Anderson, A. K. (2015). Mindfulness meditation training alters cortical representations of interoceptive attention. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 10(11), 1533–1541. https://doi.org/10.1093/scan/nsv066

  • Ganster, D. C., & Rosen, C. C. (2013). Work stress and employee health: A multidisciplinary review. Journal of Management, 39(5), 1085–1122. https://doi.org/10.1177/0149206313475815

  • Gross, J. J., & John, O. P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362. https://doi.org/10.1037/0022-3514.85.2.348

  • Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.

  • McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. https://doi.org/10.1056/NEJM199801153380307

  • McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904. https://doi.org/10.1152/physrev.00041.2006

  • McEwen, B. S., & Stellar, E. (1993). Stress and the individual: Mechanisms leading to disease. Archives of Internal Medicine, 153(18), 2093–2101. https://doi.org/10.1001/archinte.1993.00410180039004

  • Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory. W. W. Norton & Company.

  • Schaufeli, W. B., & Taris, T. W. (2014). A critical review of the job demands–resources model. In G. F. Bauer & O. Hämmig (Eds.), Bridging occupational, organizational and public health (pp. 43–68). Springer. https://doi.org/10.1007/978-94-007-5640-3_4

  • Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2nd ed.). Guilford Press.

  • Troy, A. S., Wilhelm, F. H., Shallcross, A. J., & Mauss, I. B. (2010). Seeing the silver lining. Journal of Abnormal Psychology, 119(2), 304–313. https://doi.org/10.1037/a0018862

  • World Health Organization. (2019). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th revision). https://icd.who.int/



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Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch 


Monia von Burg


Wer bin ich?


Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.


Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.


In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.


Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.



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