Mentale Erschöpfung: Warum innere Anspannung oft lange unbemerkt bleibt
- Monia von Burg

- 9. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Juli

Viele Frauen erleben innere Anspannung nicht als akutes Problem, sondern als einen Zustand, der über längere Zeit bestehen bleibt.
Sie funktionieren im Alltag, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung in verschiedenen Lebensbereichen. Oft wird erst mit der Zeit deutlich, wie viel innere Energie diese dauerhafte Anspannung bindet.
Erschöpfung zeigt sich dabei nicht als Zusammenbruch, sondern als anhaltender innerer Druck.
Warum dauerhafte innere Anspannung oft lange unbemerkt bleibt

Erschöpfung wird im allgemeinen Verständnis häufig mit Überforderung, Leistungsabfall oder Rückzug gleichgesetzt. Psychologisch betrachtet greift diese Annahme jedoch zu kurz. Forschung aus der Stress- und Gesundheitspsychologie zeigt, dass länger anhaltende Belastung bereits mit gesundheitlichen und psychophysiologischen Veränderungen verbunden sein kann, bevor sich deutliche Einschränkungen im Alltag zeigen (Ganster & Rosen, 2013; McEwen & Stellar, 1993).
Gerade Frauen, die über längere Zeit Verantwortung in mehreren Lebensbereichen tragen, beruflich, familiär oder emotional, berichten häufig von anhaltender innerer Anspannung, ohne dass sich diese nach aussen deutlich zeigt. Der Alltag wird bewältigt, Verpflichtungen werden erfüllt, Entscheidungen getroffen. Gleichzeitig nimmt das Erleben von innerer Ruhe und Regeneration ab. Dieser Zustand wird häufig nicht als Ausdruck anhaltender innerer Anspannung eingeordnet, sondern als normale Begleiterscheinung eines anspruchsvollen Alltags interpretiert.
Warum gerade mehrere Verantwortungsbereiche eine dauerhafte innere Alarmbereitschaft begünstigen können, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag über Mental Load und Mehrfachverantwortung: «Mehrfachverantwortung bei Frauen: Warum innere Anspannung oft bestehen bleibt»
Funktionieren schliesst Erschöpfung nicht aus
Gerade weil der Alltag nach aussen stabil wirkt, bleibt diese Form von Erschöpfung oft lange unbeachtet – auch von den Betroffenen selbst. Innerlich kann dabei bereits eine erhebliche Belastung bestehen.
Belastung zeigt sich nicht zwingend zuerst in einem deutlichen Leistungsabfall. Menschen können ihren Alltag weiterhin bewältigen, während gleichzeitig psychische und körperliche Belastungsreaktionen bestehen (Ganster & Rosen, 2013).

Ein zentrales Erklärungsmodell hierfür ist das Konzept der allostatischen Last. McEwen (1998) beschreibt damit die kumulative Belastung des Organismus, die entsteht, wenn Anpassungsleistungen über längere Zeit aufrechterhalten werden, ohne dass ausreichende Regenerationsprozesse stattfinden. Der Körper verbleibt in einem Zustand erhöhter Aktivierung, auch wenn aktuell keine akuten Stressoren bestehen. Typisch für diesen Zustand sind:
anhaltende innere Spannung
erhöhte Wachsamkeit auch in Ruhephasen
eingeschränkte Erholungsfähigkeit
Gerade diese äussere Funktionsfähigkeit trägt dazu bei, dass die zugrunde liegende innere Anspannung oft erst spät wahrgenommen wird.
Dauerhafte Anspannung verändert die Selbstwahrnehmung
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Wahrnehmung eigener innerer Zustände. Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung und Verarbeitung innerer Körpersignale, beispielsweise von Müdigkeit, Anspannung oder Herzschlag (Craig, 2002). Forschung zum Zusammenhang zwischen Stress und Interozeption weist darauf hin, dass akute und chronische Belastung die Verarbeitung solcher Körpersignale beeinflussen kann. Die Zusammenhänge sind jedoch komplex und können sich unterschiedlich zeigen (Schulz & Vögele, 2015).

Bei anhaltender Belastung kann sich die Wahrnehmung innerer Signale verändern. Dies kann sich beispielsweise darin zeigen, dass Müdigkeit oder Anspannung weniger differenziert wahrgenommen, gedanklich übergangen oder zunehmend als normaler Grundzustand erlebt werden.
Innere Anspannung wird dadurch häufig nicht mehr als auffälliger Zustand erlebt, sondern zunehmend als Teil des normalen Alltagserlebens. Viele bemerken erst im Vergleich – etwa in ruhigeren Phasen oder im Urlaub –, wie angespannt ihr innerer Zustand zuvor tatsächlich war.
Wie sich diese veränderte Wahrnehmung im Alltag zeigt und warum innere Klarheit dabei eine zentrale Rolle spielt, habe ich im Beitrag «Zwischen Selbstbild und Alltag – warum psychische Klarheit entsteht, wenn beides zusammenpasst» näher ausgeführt.
In ruhigen Momenten gelingt inneres Abschalten häufig nicht, und auch nach Pausen stellt sich keine spürbare Erholung ein. Es geht weniger um das Gefühl von „nicht mehr können“, sondern um eine Form anhaltender innerer Anspannung, die sich häufig wie ein dauerhaftes Bereit-sein-müssen anfühlt.
Warum Erholung allein oft nicht ausreicht und weshalb innere Anspannung trotz Pausen bestehen bleiben kann, habe ich im Beitrag «Innere Anspannung regulieren: Warum Entlastung allein oft nicht ausreicht» näher beschrieben.
Psychologisch lässt sich dies nicht als mangelnde Selbstwahrnehmung verstehen, sondern als stressbedingte Anpassungsleistung des Nervensystems (McEwen, 2007).
Warum frühe Erschöpfung oft nicht ernst genommen wird

Erschöpfung ohne äussere Auffälligkeit wird gesellschaftlich selten als behandlungsbedürftig eingeordnet. Solange Verantwortung übernommen wird und der Alltag nach aussen funktioniert, fehlt häufig ein äusserer Anlass, die eigene Belastung zu hinterfragen.
Die Symptome bleiben diffus:
innere Unruhe ohne klaren Auslöser
ausbleibende Erholung trotz Pausen
zunehmendes Kontrollbedürfnis
emotionale Distanz zum eigenen Erleben
Forschung zur Emotionsregulation zeigt, dass das häufige Unterdrücken des emotionalen Ausdrucks mit geringerem Wohlbefinden und ungünstigeren sozialen Erfahrungen verbunden sein kann (Gross & John, 2003).
Abgrenzung zu akuter Erschöpfung und Burnout
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen infolge chronischen Arbeitsplatzstresses, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Burnout ist dabei nicht als medizinische Erkrankung klassifiziert und bezieht sich ausdrücklich auf den beruflichen Kontext (World Health Organization, 2019).
Die in diesem Artikel beschriebene anhaltende innere Anspannung ist deshalb nicht mit Burnout gleichzusetzen. Sie kann verschiedene Lebensbereiche betreffen und auch bei weiterhin erhaltener Handlungsfähigkeit auftreten.
Stabilisierung als psychologischer Ansatz
Gemeint ist die Wiederherstellung innerer Sicherheit unter bestehenden Bedingungen.
Zentrale Ansatzpunkte sind:
Reduktion chronischer Aktivierung
Verbesserung der Selbstanbindung
Förderung autonomer Regulationsfähigkeit

Stabilisierung beschreibt in diesem Zusammenhang einen Prozess, in dem wieder mehr Flexibilität zwischen Anspannung und Ruhe möglich wird. Dabei geht es nicht um vollständige Entspannung, sondern darum, innere Zustände zunehmend differenzierter wahrnehmen und regulieren zu können (Gross, 2015; McEwen, 2007).
Zur persönlichen Einordnung
Nicht jede innere Anspannung ist problematisch. Entscheidend ist jedoch, ob sie sich noch von selbst reguliert – oder ob sie über längere Zeit mitgetragen wird, ohne spürbar nachzulassen.
Wenn innere Spannung auch dann bestehen bleibt, wenn äussere Anforderungen abnehmen, wenn Erholung nicht mehr entlastet und Anspannung zum Grundzustand wird, verschiebt sich der Charakter der Belastung. Sie wird dann weniger als Reaktion auf einzelne Belastungen erlebt, sondern zunehmend als innerer Grundzustand.
Spätestens an diesem Punkt geht es nicht mehr nur um Verstehen, sondern um bewusste Stabilisierung.

Fachlicher Rahmen
Die in diesem Artikel beschriebenen Zusammenhänge basieren auf Erkenntnissen aus der Stress-, Gesundheits- und Neuropsychologie.
Der dargestellte Zustand beschreibt eine Form anhaltender innerer Anspannung und Erschöpfung, die unterhalb klinisch diagnostizierbarer Störungsbilder liegen kann.
Coaching richtet sich in diesem Kontext an Personen, die ihren Alltag grundsätzlich bewältigen, jedoch eine anhaltende innere Belastung erleben und diese besser verstehen sowie regulieren möchten.
Es ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Bei Verdacht auf eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.
Schlussbemerkung
Mentale Erschöpfung zeigt sich nicht immer dort, wo sie erwartet wird. Forschung aus Psychologie und Neurobiologie weist darauf hin, dass nicht der Zusammenbruch das erste Anzeichen ist, sondern häufig eine anhaltende innere Anspannung, die mit der Zeit zum selbstverständlichen Teil des Alltagserlebens werden kann.
Ein frühzeitiges Verstehen dieser Prozesse kann dazu beitragen, innere Belastung differenzierter einzuordnen, bevor sie sich weiter verfestigt.
Quellen
Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: The sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655–666. https://doi.org/10.1038/nrn894
Ganster, D. C., & Rosen, C. C. (2013). Work stress and employee health: A multidisciplinary review. Journal of Management, 39(5), 1085–1122. https://doi.org/10.1177/0149206313475815
Gross, J. J. (2015). Emotion regulation: Current status and future prospects. Psychological Inquiry, 26(1), 1–26. https://doi.org/10.1080/1047840X.2014.940781
Gross, J. J., & John, O. P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362. https://doi.org/10.1037/0022-3514.85.2.348
McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. The New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. https://doi.org/10.1056/NEJM199801153380307
McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904. https://doi.org/10.1152/physrev.00041.2006
McEwen, B. S., & Stellar, E. (1993). Stress and the individual: Mechanisms leading to disease. Archives of Internal Medicine, 153(18), 2093–2101. https://doi.org/10.1001/archinte.1993.00410180039004
Schulz, A., & Vögele, C. (2015). Interoception and stress. Frontiers in Psychology, 6, Article 993. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.00993
World Health Organization. (2019, May 28). Burn-out an “occupational phenomenon”: International Classification of Diseases. https://www.who.int/news/item/28-05-2019-burn-out-an-occupational-phenomenon-international-classification-of-diseases
Coaching für Frauen | Parkstrasse 25, 5400 Baden | www.mvbcoaching.ch

Wer bin ich?
Ich bin Monia von Burg, Psychologin (MSc UZH) und Coach für Frauen in Baden (AG) und online.
Ich begleite Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen und merken, dass die innere Anspannung bestehen bleibt – auch dann, wenn nach aussen vieles funktioniert.
In meinen Coachings geht es nicht darum, noch mehr zu leisten oder sich besser zu organisieren.
Sondern darum, die eigene Situation differenziert zu verstehen und einen Umgang zu entwickeln, der langfristig mehr Stabilität im Alltag ermöglicht.
Wenn du deine aktuelle Situation etwas klarer einordnen möchtest, kann dieses Mini-Workbook ein ruhiger Einstieg sein.
Drei Fragen helfen dir, innezuhalten und wahrzunehmen, was gerade wirklich präsent ist.



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